Gibt es die Bauschäden durch Kletterpflanzen? Für die einen gibt
es solche Schäden nicht, sie wären pure Einbildung bzw. durch ganz andere
Faktoren verursacht und nicht durch die jeweils beschuldigte Pflanze. Für
andere käme niemals eine Begrünung in Frage, weil die Schäden ja bekannt seien,
zwangsläufig kommen würden und dann eben die Sorge um die Unversehrtheit der
Hausfassade überwiegt. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich - wie so oft -
irgendwo in der Mitte.
Feuchte Wände durch Efeu…?
Sehr alt, aber inzwischen widerlegt ist die Behauptung,
Kletterpflanzen wie Efeu würden durch Ihre Wurzeln direkt Feuchtigkeit in die
Wände bringen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden diesbezüglich
Befragungen zur Schädlichkeit von Efeubewuchs angestellt. Das Ergebnis fiel
zugunsten des Efeus aus, es wurde sogar eine schützende und die Lebensdauer des
Wandputzes verlängernde Wirkung der Blätterwand nachgewiesen. Ist der Verputz
weitgehend rissfrei und auch sonst in Ordnung, wären keine Schäden zu
befürchten. Eine Durchfeuchtung der Wände durch die Pflanzen als solche konnte
nicht nachgewiesen werden.
Schäden an der Fassadenfarbe…?
Ähnlich ist der Kenntnisstand auch heute noch. An intakten
Wandflächen entstehen keine Schäden durch Kletterpflanzen. Anders aber zum
Beispiel an den heute üblichen Anstrichen mit Dispersionsfarben! Diese
Anstriche - damals noch gar nicht bekannt - werden erbarmungslos mit von der
Wand gerissen, wenn Kletterwurzeln (Efeu) oder Haftscheiben (Wilder Wein) sich
einmal von der Wand lösen bzw. Teile der Pflanzen entfernt werden. Es entstehen
dann hässliche Fehlstellen im einheitlichen Wandanstrich.
Weitere Bauschäden durch Pflanzen…?
Noch schlimmer ist es, wenn selbst klimmende Kletterpflanzen
aber Ritzen und Spalten erobern. Die Triebe einiger Arten sind "negativ
phototrop", das heißt sie suchen die Dunkelheit und wachsen dorthin. Gibt
es eine Spalte, wird sie gefunden, zum Beispiel bei Rolladenkästen und
besonders im Bereich der Dachtraufe. Mit ihrem anschließenden Dickenwachstum
können die Triebe lockere Teile absprengen und auch Dachziegel anheben. Bei
Regen oder Schneeverwehungen heißt es dann "Wasser Marsch!" für die
empfindlichen Dichtstellen - der Albtraum jedes Hausbesitzers.
Aber auch andere Kletterpflanzen als nur die Selbstklimmer
können Schäden verursachen. Blauregen z. B. wächst so stark, daß er feste
Bauteile absprengt, wenn er sie hinterwachsen kann. Ganze Fallrohre können so
aus ihrer Verankerung gedrückt werden.
Probleme
mit dem Herbstlaub…
Ähnlich wie bei dicht am Haus stehenden Bäumen können auch
Kletterpflanzen mit ihrem Laub zu einem ungeliebten Begleiter werden, vor allem
wenn sie über die Dachtraufe wachsen und das Herbstlaub in den Strom der
Dachentwässerung kommt. Hier sind regelmäßige Kontrollen unerlässlich.
Bei verstopftem Fallrohr und/oder zugedeckten Einlaufsieben
kommt es bei Starkregen zum Überlaufen der Dachrinnen und ggf. zu immensen
Durchnässungen der Wände. Ein Austrocknen solcher Schäden kann mehrere Wochen
oder Monate dauern und ist oft mit Schimmelbefall der zugehörigen Innenwände
verbunden.
Erfolgt der Feuchteeintrang unerkannt über Jahre hinweg, kommt es
sogar zu Pilzschäden an Deckenbalken und anderen Holzteilen.
Durchwachsen von Dichtungsschichten…
An einer großen, unsanierten Villa wurde ein Wilder Wein P.
quinqefolia beobachtet, der von unten in die mürbe Bodenplatte eines Balkons
herein wuchs und oben aus dem Balkonfußboden wieder herauskam. Das zeigt, mit
welcher Kraft diese Pflanzen sich durch Hindernisse hindurcharbeiten. Viele
Sorten von Dichtungsbahnen können so durchwachsen und ihrer Dichtfunktion beraubt
werden, da ausdrücklich wurzelfeste Bahnen ja nur in Spezialfällen wie bei
gewollten Dachbegrünungen eingesetzt werden. Schon deshalb muss ein Bewachsen
der Dachtraufe mit Kletterpflanzen prinzipiell vermieden werden!
Rostbildung und elektrolytische Korrosion…
Gelangt Wasser unter eine Begrünung an die Wand, an Rankhilfen,
Holzteile, usw., trocknet es dort schlechter als bei unbegrünter, frei
liegender Wand. Die Zeitdauer der Benetzung mit dem Wasser erhöht sich, es
fehlen einfach Sonnenlicht und Wind unter dem Blätterdach, die sonst zum
schnelleren Abtrocknen führen.
Dieser Fakt ist verheerend, wenn sich unedle Metallteile unter
dem Laub befinden. Zusammen mit den organischen, teils säurehaltigen
Absonderungen der Pflanzen kommt es zu massiver (elektrolytischer) Korrosion.
Schon nach kurzer Zeit kann eine Verzinkung aufgelöst und weggeschwemmt sein.
Auch Nägel und Schrauben in Holz werden hier eher von Rost hinweg gerafft, wenn
sie nicht aus Edelstahl sind, oft kommt es dabei zur Bildung hässlicher
Rostfahnen an der Wand.
Daraus leiten sich auch Anforderungen an die Materialität von
Rankhilfen ab. Drahtseilkonstruktionen sollten generell aus Edelstahl sein, und
bei Holzspalieren arbeitet "FassadenGrün" mit hoch
witterungsbeständigem Robinienholz in Zusammenhang mit Befestigungen aus
Edelstahl.
Schutzfunktion für die Wand…?
Aus dem grün-ökologischen Lager wird Kletterpflanzen sogar statt
Bauschäden gern eine Schutzfunktion nachgesagt: Die Wände würden von
UV-Strahlung und Wärmespannungen verschont, und dachziegelartig angeordnete
Blätter würden ein Befeuchten der Wand bei Regen verhindern und die
Niederschläge zum Abtropfen bringen. Zugleich wäre eine Begrünung ja eine
ideale Wärmedämmung....
Inzwischen macht sich auf diesem Feld jedoch Ernüchterung breit:
Zugegebenermaßen muss eine ordnungsgemäß gestaltete Außenwand all diese
Schutzfunktionen auch aus sich selbst heraus erfüllen, ohne auf eine Begrünung
angewiesen zu sein. Und ob eine für UV-Strahlung anfällige Dispersionsfarbe an
der Wand mit Begrünung 20 statt nur 15 Jahre hält, ändert nichts an der
allgemeinen Fragwürdigkeit solcher Billig-Anstriche.
Nachweisbar ist gewiss die Schutzfunktion eine Begrünung bei
Schlagregen. Allerdings muss in die Betrachtung einbezogen werden, dass es
aufgrund von abtropfendem Niederschlag bei den weiter unten liegenden Blättern
wiederum zu Spritzwasserbildung hin zur Wand kommt. Und alle Arten von
Feuchtigkeit können auf einer bewachsenen Wand schlechter abtrocknen als auf
einer frei liegenden, so dass sich der Wasserschutz-Effekt relativiert.
Ein Heizkostenersparnis wegen Wärmedämmung liegt - wenn
überhaupt - im Bereich unter 2 - 3 %. Hauptsächlich ist es der auskühlende
Wind, der durch wintergrüne Blätter von Efeu gemindert wird. An Südwänden
relativiert sich der Effekt, weil auch die in der Wärmebilanz positive,
winterliche Aufheizung der Wand an Sonnentagen wegen des Bewuchses
ausgeschlossen ist.
Denkbar ist hingegen der Effekt einer gewissen Wandkühlung an
heißen Sommertragen.
Fazit…
Pragmatischerweise muss wohl gesagt werden, dass jede Begrünung
zunächst eine Belastung und weniger ein Schutz für die Wand ist. Deshalb
sollten nur hochwertige und völlig intakte Wandflächen begrünt werden. Wichtig
ist, eine als Fassadenbegrünung geplante Maßnahme auch als solche zu behandeln
und sie nicht zur Dachbegrünung verkommen zu lassen. Oberhalb der Traufe haben
Kletterpflanzen in der Regel nichts zu suchen!
Die dafür gerade bei Selbstklimmern wie Efeu oder Wildem Wein
Jahr für Jahr erforderlichen Schnittarbeiten sind aufwendig und/oder
teuer. Schon manche mächtig gewordenen Kletterpflanze wurde aus diesem Grund
wieder gerodet. Und manche Hausbegrüner haben sich beim Setzen der kleinen
Sprösslinge nicht klar gemacht, was da auf sie zukommt.
In den meisten Fällen empfiehlt "Fassaden-Grün"
deshalb keine Selbstklimmer mit unkontrolliertem Wuchsverhalten, sondern
Gerüstkletterpflanzen mit Rankhilfen. Durch intelligente Planung können auf
diesem Weg Bauschäden von Anfang an vermieden werden.